Musik

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Zwischen Dur und Moll – Alltag im Musikunterricht

Es ist ein gewöhnlicher Donnerstagvormittag, 7:55 Uhr.  Die  Musiklehrerin  erwartet  die  eintreffenden Schüler  des  Vororchesters  im  Konferenzsaal.  Es wird  schon  fl eißig  aufgestuhlt  und  Notenständer werden aufgebaut. Die Schüler packen ihre Instrumente  aus,  damit  sie  bis  zur  gemeinsamen  Probe um  12:30  Uhr  gestimmt  werden  können.  Ein  gewisser  Geräuschpegel  entsteht,  denn  gerne  probieren die Kinder auch fremde Instrumente aus. A. hat  ihre  Noten  vergessen.  Kein  Problem,  denn  für solche  Fälle  ist  vorgesorgt.  C.  hat  sogar  die  Geige vergessen. Klar, dass sie trotzdem zur Probe kommen  soll,  um  sich  einzuhören  und  mental  mit  zu üben. K. hat nur den Bogen vergessen. Er wird zu Herrn Labudde geschickt, um einen Ersatz zu organisieren. Die Schüler gehen in ihre Klassen, sodass das  Stimmen  nun  in  Ruhe  bis  ungefähr  8:30  Uhr fortgesetzt  werden  kann.  Als  Nächstes  werden  die 20  Gitarren  gestimmt,  damit  die  8.  Klasse  später damit spielen kann. Die Zeit reicht gerade noch, um Organisatorisches  für  die  Monatsfeier  zu  erledigen und Unterrichtsmaterial vorzubereiten. Um  9:30  Uhr  erscheint  die  Musiklehrerin  in  der  3. Klasse, wo die Sopranblockfl öte neu eingeführt worden  ist,  und  das  braucht  regelmäßiges  Üben.  Sie wird mit einem kräftigen „Guten Morgen, liebe Frau Hermann!“  begrüßt  und  sogleich  packt  jeder  eifrig seine neue Blockflöte aus. Nach der Erinnerung, dass nicht  jeder  einfach  drauflos  flötet,  können  wir  gemeinsam beginnen. Und zwar mit Spielen, die eine lockere  Haltung  fördern  und  das  Gefühl  der  Finger für das Abdecken der Löcher sensibilisiert. Wir spielen  verschiedene  Melodien  mit  drei  verschiedenen Tönen, das genügt, um eine Orientierung zu geben. Um 9:45 Uhr gehen alle in die große Pause.

Nach  der  Pause  kommen  die  Schüler  der  4.  Klasse ins Musikzimmer gerannt. Manche wollen die Ersten sein. Jeder kennt seinen Platz. Die Lehrerin begrüßt jeden  Schüler  per  Handschlag.  Wenn  alles  ausgepackt ist, stehen alle auf und wir beginnen den Unterricht. Die Schüler schaffen es schon ganz gut, ihre Flöten anzuwärmen und auf den gemeinsamen Beginn zu warten. Die Lehrerin spielt ein kleines Motiv, ein  Schüler  wiederholt  es,  dann  die  ganze  Gruppe. Dieser Schüler spielt seinerseits ein neues Motiv, der nächste  wiederholt  es  usw.  Sie  hören  ganz  genau, welche Töne einer Tonleiter verändert werden müssen, damit sie stimmt und bekommen schon ein Gefühl für die Ordnung in der Musik. Wenn die Lehrerin (absichtlich)  mal  einen  falschen  Violinschlüssel  anschreibt, freuen sie sich, es bemerkt zu haben. Es  wird  ein  Notendiktat  geschrieben,  drei  davon werden  eingesammelt  und  viele  Schüler  jubeln schon  vor  der  Aufl ösung,  weil  sie  sicher  sind,  es richtig zu haben. Es melden sich immer mehr Schüler,  die  erste  kleine  Flötenstückchen  allein  vortragen wollen. „Mich nehmen Sie nie dran!“, muss die Lehrerin  hören,  nachdem  acht  Schüler  vorgespielt haben und die Zeit für ein Kreisspiel naht. Ein Schüler,  der  zuvor  nicht  drangekommen  war,  versucht klarzumachen, was er verdeckt auf einem Kärtchen lesen konnte: er soll mit zwei Holzstöcken „freudig“ darstellen. Wer es erraten hat, ist der Nächste. Ein ruhiger Abschluss ist das Singen eines Liedes.

10:55  Uhr.  Die  2.  Fachstunde  beginnt  und  herein kommt die 6. Klasse. „Darf ich heute neben M. sitzen, weil B. krank ist?“ Der Nächste: „Dann darf ich aber neben K. sitzen“. Die Lehrerin: „Nein, denn da ist  ja  niemand  krank“,  usw.  Jetzt  muss  jeder  seine Trinkfl asche wegräumen und manch einer daran erinnert  werden,  seine  Musiksachen  auszupacken. Sehr routiniert beginnt die Gruppe mit einem „Guten Morgen…“. Zwei Schüler haben ihre Flöten vergessen.  Macht  nichts,  denn  es  gibt  zwei  Ersatzflöten. Schnell findet die Gruppe in einen Arbeitsstrom hinein.  Da es in dem Flötenstück drei Stimmen mit unterschiedlichem  Schwierigkeitsgrad  gibt,  findet jeder  Schüler  das  zu  ihm  Passende.  Drei  Schülerinnen haben sich schnell selbstständig organisiert und wollen das Stück gleich dreistimmig vorspielen.  W.  meint:  „Ich  kann  gut  damit  leben,  es  nicht  zu können“. Mit diesem Schüler übt die Lehrerin dann kurz nach der Stunde, das nächste Mal wird sich W. wohl gleich bemühen. Wir wenden uns dem Thema „Moll“ zu. Ein Schüler spielt am Xylophon eine zweistimmige Begleitformel und ein anderer Schüler soll am  Metallophon  eine  Melodie  in  Moll  dazu  improvisieren.  Dieselben  drei  Schülerinnen  von  vorhin melden sich schnell wieder. So, nun versucht es R., kann aber den Takt nicht einhalten. Da kann L. mit seinem Spott nicht an sich halten, was zur Folge hat, dass er es doch bitteschön mal zeigen möge. Nein, so war es nicht gemeint, aber es bleibt ihm nichts erspart. Trotzdem gelingt die Improvisation. Bravo! Zum Schluss noch eine neue Ballade. „Nein, nichts Neues! Nochmal La Marmotte von Beethoven!“ Der Kompromiss heißt, beides wird gesungen.

11:45  Uhr.  Die  8.  Klasse.  Nicht  jeder  schafft  es pünktlich.  Man  muss  sich  auf  dem  Flur  nochmal von  jemand  Reizendem  aus  einer  anderen  Gruppe bis  zur  nächsten  Pause  verabschieden.  Es  dauert schon eine Weile, bis jeder auf dem für ihn vorgesehenen  Platz  sitzt.  Die  Schüler  sollen  sich  in  die Lage  von  Mönchen  im  frühen  Mittelalter  versetzen, denen ein Cantor, in diesem Fall die Lehrerin, versucht,  mittels  Handzeichen  Melodien  beizubringen.  Dann  der  nächste  Entwicklungsschritt:  Guido von Arezzo, der um 1000 n. Chr. lebte, versuchte,  die  erste  Notenschrift,  die  Neumen,  von  der  Tafel absingen  zu  lassen.  Wie  mühsam!  Diese  Mönche waren  bestimmt  nicht  alle  sehr  aufgeschlossen und  Neuerungen  konnten  sich  auch  damals  sicher nicht  schnell  durchsetzen  Jetzt  die  Weiterentwicklung  mit  dem  4-Linien-System,  dem  C-Schlüssel,  den  Quadratnoten  usw.  Als  R.  bemerkt:  „Da  fehlt doch  eine  Linie!“,  kommt  langsam  Bewegung  und Interesse auf. „Dieser Ton müsste dann a heißen“,  „Und  der  Nächste  f“  usw.  Jetzt  kann  das  Arbeitsblatt ausgeteilt werden, auf dem Melodien aus der Mensuralnotation  in  unser  gebräuchliches  System übertragen  werden  sollen.  Zum  Schluss  der  Stunde  will  die  Lehrerin  gemäß  dem  Wunsch  aus  der vorigen Stunde mit den Schülern noch Gitarre spielen. „Was anderes!“, „Was denn?“, „Was anderes!“.  Nachdem Chillen und Nichtstun als Alternative nicht zu  erreichen  sind,  wollen  sie  doch  Gitarre  spielen, die  Zeit  dafür  ist  aber  knapp.  Beim  Hinausgehen ist  H.  zu  vernehmen:  „Jetzt  habe  ich  diese  blöden gregorianischen Melodien auch noch als Ohrwurm!“ Dann  habe  ich  ja  mein  Ziel  erreicht.  D.:  „Klassik ist Scheiße!“  Die  Lehrerin:  „Und  La  Marmotte?“,  „War cool“, „Und die Zauberflöte?“ „War geil!“ „Und Schumann?“ „Der war übel abgefahren!“ Na, dann ist ja alles in Ordnung!

12:30 Uhr. Vororchester. Die Kinder sind schon vor der  Lehrerin  da.  Die  Lehrerin  und  Frau  Labudde, die Geigenlehrerin, sollen vor der Türe warten. Die Schüler wollen es alleine probieren. Na ja, ganz beachtlich! Zeit zum Eingreifen. Nach 15 Minuten konzentrierten  Probens  wollen  einige  fortgeschrittene Schüler die Stücke gerne in einem Soloquartett vorspielen.  Um  13:15  Uhr  heißt  es  wieder  einpacken – „Was, schon vorbei?“

Ab  16  Uhr  beginnen  die  Konferenzen.  Bis  in  die späten  Abendstunden.  Danach  wünscht  sich  jeder eine „gute Nacht!“. Rudolf Steiner sprach vom „Geschenk der Nacht“. Wie er das wohl gemeint hat?!

(PS: die Abkürzungen der Namen sind fiktiv)

Gabriele Hermann

 

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Leierunterricht – Mit dem Spiel der Leier ein Wir-Gefühl entwickeln

Wer  vor  dem  kleinen  Musikraum  stehen  bleibt  und lauscht, kann wunderschöne Töne hören – die 2., 3.  oder 4. Klasse übt sich im Leierspielen.
Beim Leierspielen soll durch ein gemeinschaftliches Musizieren  mit  allen  Kindern  einer  Klasse,  jenseits von musikalisch oder unmusikalisch, ein Wir-Gefühl entwickelt werden.
Das Spielen von Liedern, das oft durch Gesang begleitet  wird,  ermöglicht  es  den  Kindern,  gestützt durch die Leier, selbst den rechten Ton zu finden.
Es  ist  eine  Freude,  diesem  entspannten,  harmonischen Gesang der Kinderstimmen zu lauschen.
Nach der 4. Klasse besteht für die Kinder die Möglichkeit, weiter in einer AG Leier zu spielen.

Thomas Leins